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Wenn das Auto moralisch handelt – Selbstfahrende Fahrzeuge im Straßenverkehr der Zukunft

Das Jahr 2037. Der Straßenverkehr hat sich vollkommen verändert. Anstelle von rußenden, stinkenden PKWs fahren elektrische Shuttles auf den Straßen. Die Menschen teilen sich Autos, fahren gemeinsam mit dem Nachbarn oder Kollegen zur Arbeit oder zum Einkaufen – oder besser gesagt: sie lassen sich fahren.

Die Steuerung der Fahrzeuge wird nämlich von Computern übernommen und die Insassen können sich bequem zurücklehnen. Dadurch wird ein ganz neuer Verkehrsfluss möglich, das Leben an sich wird entspannter. So stellt es sich zumindest Elon Musk vor. Der Gründer der Firma Tesla sieht autonome Fahrzeuge als Transportmittel der nicht mehr ganz so fernen Zukunft. Wagen mit Lenkrädern werden dann allenfalls noch als Sportgerät für das Freizeitvergnügen genutzt, ähnlich wie das Pferd, das vom Transportmittel zum Haustier und Sportgefährten wurde. Bis diese Vision Realität wird, müssen allerdings noch einige Hürden genommen werden.

Gerade in Deutschland wird das Thema autonomes Fahren noch eher kritisch betrachtet.

Zwar fahren in Bad Birnbach inzwischen die ersten autonomen Elektrobusse auf den Straßen und auch in Berlin sollen ab Ende des Jahres autonome Fahrzeuge getestet werden, an eine bundesweite Ausbreitung dieser Technik ist aber noch nicht zu denken. Dies liegt zum Teil an technischen Bedenken. Um smarte Autos sicher durch die Straßen zu lenken, braucht es zuerst einmal eine smarte Fahrbahn mit vernetzten Ampeln und Sensoren im Asphalt. Die Autos müssen sich untereinander und mit dem restlichen Verkehr vernetzen können. Bisherige Tests in den USA haben gezeigt: verlässt ein Wagen die technisch präparierte Wegstrecke, ist er hilflos verloren. Das führt direkt zum zweiten großen Bedenken, der ethisch-moralischen Frage. Was passiert, wenn ein autonomes Auto mit unbekannten Situationen konfrontiert wird? Kann ein computergesteuerter Wagen im Notfall passend reagieren, oder gefährdet er Menschenleben? Bisher wird dieses Problem dadurch gelöst, dass bei jeder Fahrt verpflichtend ein Mensch mit an Bord ist, der im Notfall eingreifen kann. Die Wissenschaft arbeitet allerdings darauf hin, dass dies in Zukunft nicht mehr nötig und auch nur noch begrenzt möglich sein wird.

Deswegen wurde im letzten Jahr eine Ethikkommission gegründet – bestehend aus Wissenschaftlern, Experten der Fachrichtungen Ethik, Recht und Technik, Verkehrsexperten, Ingenieuren, Philosophen, Theologen, Informatikern, Verbraucherschützern, sowie Verbands- und Unternehmensvertretern – die diskutieren sollte, unter welchen Bedingungen autonomes Fahren moralisch vertretbar ist.

Im Juni dieses Jahres dann das Ergebnis: autonomes Fahren ist dann geboten, wenn die Maschinen in weniger Unfälle verwickelt sind, als menschliche Fahrer. Außerdem muss der Bordcomputer im Ernstfall Sachschaden vor Personenschaden stellen können. Ist ein Unfall mit Personenschaden unvermeidlich, darf nicht nach Alter, Geschlecht, Gesundheit oder anderen Merkmalen differenziert werden. Und – um im Falle eines Unfalls Versicherungsansprüche und Haftung zu klären – es muss jederzeit nachvollziehbar sein, ob ein Mensch das Steuer in der Hand gehabt hat, oder ob die Maschine allein entscheiden durfte. Außerdem müssen die Daten des Fahrzeughalters geschützt werden.

Wohl einer der interessantesten Punkte in den Leitlinien der Ethikkommission ist die Regel acht, die besagt, dass der Bordcomputer niemals in der Lage sein wird, intuitiv und menschlich zu handeln. Moral ist ein komplexes Themenfeld, dass sich nicht in für einen Computer verständliche Regeln fassen lässt. Die Denk- und Reaktionsmuster eines Menschen in einer Unfallsituation sind nicht programmierbar.

Fazit der Kommission: moralisch handelnde Maschinen – das gibt es nicht! Oder doch?

Die Kognitionswissenschaftler der Universität Osnabrück sind in einer jüngst veröffentlichten Studie zu ganz anderen Ergebnissen gekommen. Ethik künstlich zu programmieren ist demnach (noch) unmöglich, menschliches Verhalten in Unfallsituationen lässt sich aber nachahmen.

Die Osnabrücker haben für ihren Versuch einen anderen Weg eingeschlagen als die Experten der Ethikkommission. Zunächst wurden Versuchspersonen in einem Simulator in unterschiedliche Gefahrensituationen mit Menschen, Tieren und Objekten im Straßenverkehr gebracht. Ihre Reaktionen wurden aufgezeichnet, analysiert und statistisch aufgearbeitet. Mithilfe dieser Daten lassen sich so Regeln für den Computer aufstellen. Im Falle eines unvermeidbaren Unfalls berechnet der Bordcomputer, wie sich die statistische Mehrheit der Menschen entscheiden würde und handelt dann nach diesen Mustern. Damit entsteht eine Künstliche Intelligenz, deren Verhalten im Simulator überraschend nahe an menschliche Verhaltensmuster herankommt.

Die Ergebnisse stehen im Widerspruch zu den Leitlinien der Ethikkommission, wiederlegen diese aber nicht. Die künstliche Intelligenz ist in der Lage, in unbekannten Situationen menschlich zu handeln, denkt deswegen aber noch lange nicht moralisch. Ihre Entscheidungen sind nicht von einem Gefühl von „Richtig“ oder „Falsch“ bedingt, sondern von statistischen Daten.

Die Osnabrücker Studie zeigt jedoch, dass es möglich ist, autonome Fahrzeuge zu entwickeln, die sich genauso sicher im Straßenverkehr bewegen, wie ein menschlicher Fahrer. Damit lassen sich zumindest einige ethische Bedenken aus dem Weg räumen. Und wer weiß, vielleicht lässt sich die Menschheit wirklich in 20 Jahren von autonomen Autos durch die Innenstädte fahren. Elon Musk würde es freuen.

(Carolin Fricke)

Quellen:

https://www.uni-osnabrueck.de/presse_oeffentlichkeit/presseportal/pressemeldung/artikel/maschinen-koennen-bald-moralisches-verhalten-von-menschen-imitieren-forschungsergebnis-am-institut.html (Stand 18.07.2017)

Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (Hrsg.): Ethik-Kommission – Automatisiertes und vernetztes Fahren. Bericht Juni 2017. www.bmvi.de. Gefunden: https://www.bmvi.de/SharedDocs/DE/Pressemitteilungen/2017/084-dobrindt-bericht-der-ethik-kommission.html (Stand 18.07.2017).

http://www.tagesspiegel.de/berlin/projekt-der-technischen-universitaet-die-autonomen-autos-kommen-nach-berlin/19626602.html (Stand 24.07.2017).

Franz-Reinhard Habbel

Ich bin DStGB-Sprecher und Leiter des Innovators Club, halte Vorträge und schreibe über Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat durch Digitalisierung, Globalisierung und Urbanisierung.

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