OB-Wahl: In Rostock wird ein EU-Ausländer erstmals Oberbürgermeister

Rostock hat Geschichte geschrieben. In der 208.000 Einwohner großen Stadt wurde zum erstmal in Deutschland ein EU-Ausländer zum Oberbürgermeister gewählt. Claus Ruhe Madsen ist Däne und lebt seit 1998 in Rostock, ist Unternehmen und bis vor kurzem Präsident der Industrie- und Handelskammer. Madsen machte einen unkonventionellen Wahlkampf und setzte besonders auf die Digitalisierung. Er möchte Rostock zur Vorreiterstadt machen. „Rostock bewegen“, heißt sein Motto.

Präsent ist er in sozialen Netzwerken wie kein anderer Kandidat. Mit dem Thema Digitalisierung kann man Wahlen gewinnen. Davon ist Madsen überzeugt, ließt man aufmerksam sein Programm. Er will smarte Lösungen für Wegebeleuchtung, Parkplatzsuche & Verkehr, die Möglichkeit, Anträge online zu stellen, eine One-Stop-Behörde, die Gründung eines städtischen Unternehmens zur Unterstützung von Schulen, Verwaltung & kommunaler Gesellschaften bei dem Prozess der Digitalisierung, moderne Netzwerke in den Stadtteilen, am Strand & in den öffentlichen Verkehrsmitteln, digitale Begegnungsräume in den Stadtteilen und Stadtmeisterschaften in E-Sports.

Madsen will mit Digitalisierung den Bürgern Zeit ersparen. So beginnt seine Geschichte. „Folgender Zettel hängt an Ihrer Haustür: „Bitte seien Sie am Donnerstag zwischen 9:00 und 16:00 Uhr zu Hause. Wir wollen Ihren Zähler ablesen.“ Ob Sie zur Arbeit müssen oder nicht, ist nicht von Interesse – es muss auf jeden Fall abgelesen werden. Das Ergebnis: Für viele Rostocker steht mindestens einmal im Jahr unnötiges Warten an. Das geht auch besser. Nämlich digital. Ihre Verbrauchswerte würden automatisch an den Anbieter übermittelt werden und Sie könnten Ihre Zeit sinnvoll nutzen.“

Sehr anschaulich und verständlich schildert er in seinem Programm, was er in der Digitalisierung vor hat. Dort heißt es:

„Gemeinsam.
In unseren Stadtteilen werde ich Begegnungsräume mit digitaler Infrastruktur für Sie schaffen. Hier können morgens Schulklassen die digitale Welt kennenlernen und am Nachmittag Studenten die digitalen Werkstätten nutzen. Alle Bürgerinnen und Bürger haben hier altersunabhängig die Möglichkeit, an der digitalen Welt teilzuhaben. Wir haben damit die Chance, die Jugendlichen vom Sofa zu holen und in soziale Räume zu bringen, die von Trägervereinen und Studenten betreut werden. Dort können sie ihre Kreativität ausleben, um neben der Arbeit mit 3D- und Laserdruckern, digitalen Webstühlen und Fräsen auch E-Sports zu betreiben. Durch diesen Zugang haben sie die Möglichkeit, ihre digitalen Kompetenzen mit anderen zu teilen, zu stärken und auszubauen. Ich erhoffe mir durch diese Maßnahme, dass Kinder und Jugendliche, die durch das bisherige Angebot nicht erreicht wurden, in gemeinschaftliche Aktivitäten zu bringen. Und vielleicht entdecken sie ja auch, dass in der Ecke eine Tischtennisplatte steht. Um diese Idee zu fördern, werden wir jedes Jahr Stadtmeisterschaften im E-Sports austragen, in der Stadtteile gegeneinander antreten. Der sogenannte „elektronische Sport“ ist in den letzten Jahren zu einem internationalen Kulturphänomen geworden, das weltweit Leute begeistert. Die Spielerinnen und Spieler sind kreativ, behalten auch in schwierigen Situationen den Überblick und haben einen spielerischen Zugang zu komplexen und schwierigen Herausforderungen. Deshalb brauchen wir diese Menschen mit ihren E-Sports Fähigkeiten in der Berufs- und Arbeitswelt von morgen. Die Rostocker Kinder und Jugendlichen werden durch unsere digitalen Begegnungsstätten zu Vorreitern im Umgang mit digitalen Technologien.

Smart City.
Im Moment kämpft jede Schule, unsere Verwaltung oder die kommunalen Gesellschaften mit den Herausforderungen der Digitalisierung. Dieser Prozess ist mühsam, langwierig und kostspielig. Die Strukturen sind nicht effizient genug, sodass ein gegenseitiges Lernen aller Beteiligten nicht immer möglich ist. Wir müssen die digitalen Kompetenzen unserer Stadt unter einen Hut bringen. Ich werde ein städtisches Unternehmen zur Digitalisierung gründen, das alle Beteiligten bei der Umsetzung der geplanten Maßnahmen unterstützt und Ansprechpartner für alle Fragen und Probleme rund um das Thema Digitalisierung ist. Das wird den Aufwand für alle beträchtlich verringern. Als Bürger können Sie so Ihre Zeit selbst gestalten, statt im Wartebereich unserer Ämter alt und grau zu werden. Wenn Sie den persönlichen Kontakt bevorzugen, werden Sie in der Zukunft in dem von Ihnen bevorzugten Bürgerbüro alle Ihre Anträge stellen können. Auch das städtische Wegebeleuchtungskonzept sowie das Parken und der Verkehr werden von der Digitalisierung profitieren. Vor allem in Gesprächen mit älteren Bürgerinnen und Bürgern ist mir klar geworden, dass fehlende Beleuchtung in Wohngebieten für viele Menschen ein Problem ist. Wir brauchen gerade in diesen Bereichen smarte Lösungen. Diese erkennen, wann, wo und wie lange nachts Beleuchtung nötig ist. Und wenn Sie einen freien Parkplatz suchen – ob in der Stadtmitte, Warnemünde oder an stark frequentierten Knotenpunkten – kann Ihnen eine App bereits vorher anzeigen, wo Sie kostenfreie oder gebührenpflichtige Plätze finden. Die App sagt Ihnen, wieviel sie kosten und wie Sie bezahlen können. Sogar der Ablauf Ihres Parktickets wird Ihnen angezeigt und Sie können es mit einem Klick einfach verlängern. Und sollten Sie einmal vergessen haben, wo Sie Ihr Auto abgestellt haben, finden Sie es durch die digitale Hilfe schnell wieder.

Netzwerk.
Unsere Zukunft ist digital. Unsere Stadt ist es leider noch nicht. Wir müssen das digitale Netzwerk ausbauen und unseren Schülern und Berufsschülern an ihren Lernorten die Möglichkeit geben, zeitgemäß, modern und einfach zu lernen. Rostocks Berufsschulen sollten keine Berufsmuseen sein, sondern moderne Bildungseinrichtungen. Aber auch für unsere Bürgerinnen, Bürger und Besucher unserer Stadt ist es wichtig, moderne Netzwerke in den Stadtteilen, am Strand und in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu nutzen.

Bürgerteilhabe.
Als Oberbürgermeister werde ich Ihnen durch eine App und das Bürgerportal “Mein Rostock” die Möglichkeit bieten, sich immer über aktuelle Themen aus unserer Stadt zu informieren. Sie können sich dort Ihre Meinung bilden und Ihre eigenen Vorschläge einbringen. Zum Beispiel: Sie markieren dann die Kategorien Kultur, Sport und Bildung. Dann erhalten Sie zu diesen Themen aktuelle Neuigkeiten und können mit ihrer Meinung zu Entscheidungen beitragen. In kurz – alle Menschen unserer Stadt sollten jederzeit die Möglichkeit besitzen, aktiv an der Gestaltung unserer Stadt teilzuhaben.“

Madsen wurde heute mit 57,1 Prozent gewählt und schreibt damit Geschichte nicht nur in Rostock, sondern auch mit dem offensiven Vorgehen beim Thema Digitalisierung als wichtiger Baustein für die Entwicklung der Stadt im hohen Norden Deutschlands.

Franz-Reinhard Habbel

Bis Ende 2017 war ich DStGB-Sprecher und Leiter des Innovators Club, halte heute Vorträge und schreibe über Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Staat durch Digitalisierung, Globalisierung und Urbanisierung.